Publikationsreihe Vigilanzkulturen

Der SFB 1369 gibt die Publikationsreihe Vigilanzkulturen beim De Gruyter Verlag heraus, die als Print- und Open Access-Format erscheint.

Vigilanz steht für die Verknüpfung persönlicher Aufmerksamkeit mit überindividuellen Zielen. Dies geschieht alltäglich im Bereich der Sicherheit, des Rechts, des Gesundheitswesens oder auch der Religionen: überall dort, wo wir auf etwas achten, gegebenenfalls auch etwas tun oder melden sollen. Der SFB 1369 untersucht die Geschichte, kulturellen Varianten und aktuellen Formen dieses Phänomens. In der Publikationsreihe werden Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Ein wissenschaftlicher Beirat begleitet die Publikation der Reihe.

Brendecke, Arndt / Reichlin, Susanne (Hrsg.): Zeiten der Wachsamkeit. Berlin/Boston 2022.

DOI: https://doi.org/10.1515/9783110765137

Vigilanz wird alltäglich ausgeübt, etwa im Bereich der Sicherheit, des Rechts, der Religionen oder auch der Öffentlichen Gesundheit: überall dort, wo wir auf etwas achten, gegebenenfalls auch etwas tun oder melden sollen. Der Münchner SFB 1369, in dem dieser Band entstanden ist, untersucht die Geschichte, kulturellen Varianten und aktuellen Formen dieses Phänomens nichtinstitutioneller, aber doch hochgradig funktionaler Wachsamkeit.

Der erste Band der Publikationsreihe ‚Vigilanzkulturen‘ widmet sich der zeitlichen Dimension von Vigilanz. So wie menschliche Aufmerksamkeit erheblichen Schwankungen unterliegt, ist auch Wachsamkeit zeitlich instabil. Die hohe physiologisch-kognitive Intensität von Wachsamkeit lässt sich nur schwer auf Dauer stellen. Wird über längere Zeit hinweg ein ereignisloses oder unstrukturiertes Geschehen beobachtet, sinkt die Aufmerksamkeit oder richtet sich auf anderes. Kulturelle Anleitungen zur Wachsamkeit arbeiten daher in der Regel selbst mit zeitlichen Strukturen: mit Rhythmisierungen, Habitualisierungen oder Dramatisierungen. Sie geben vor, in welcher Abfolge Wachsamkeit herauf- oder herabgestuft werden soll oder sie variieren denkbare Gefahren. Sie arbeiten mit natürlichen Zeitverläufen (wie Tag und Nacht, Licht und Dunkelheit), die sie, kulturell überformt, nutzbar machen. Darüber hinaus können auch Techniken und Medien helfen, Wachsamkeit zu verstetigen. Der Band untersucht diese zeitliche Gestaltung der Wachsamkeit anhand historisch spezifischer Konstellationen. Er versammelt Beiträge aus unterschiedlichen Disziplinen wie Geschichte, Ethnographie, Kunstgeschichte, Literatur- und Medienwissenschaft, um die Zeiten der Wachsamkeit zu erforschen.


Bockmann, Jörn / Martin, Alena / Michel, Hannah / Struwe-Rohr, Carolin / Waltenberger, Michael (Hrsg.): Diabolische Vigilanz. Studien zur Inszenierung von Wachsamkeit in Teufelserzählungen des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit. Berlin/Boston 2022.

DOI: https://doi.org/10.1515/9783110774382

Während Gott als inspector cordium unmittelbar in die Seelen blickt, erscheint das Beobachtungsverhältnis zwischen Mensch und Teufel als immanent-mittelbares, laterales und potenziell reziprokes. Der nie nachlassende diabolische „Verführungsaktivismus" (Luhmann) erzeugt Aufmerksamkeitskonstellationen, deren Funktionen nicht auf disziplinierende Angsterzeugung reduziert werden können. Im Erzählen von Teufeln und Dämonen werden häufig zugleich Mechanismen sozialer Kontrolle verhandelt und Formen wachsamer Selbstbeobachtung profiliert. Die Beiträge des Bandes rekonstruieren in erster Linie narrative, daneben auch dramatische und theologische Modellierungen diabolischer Beobachtungsverhältnisse vom Alten Testament bis zu Luther und zum Faustmythos; ihr Schwerpunkt liegt auf spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Erzähltexten, legendarischen wie auch schwankhaften, in denen der Teufel auf ganz unterschiedliche Weise als Akteur Gefährdungen des Sünders bewussthält. Zugleich zeichnet sich dabei bereits ab, wie die Wachsamkeit gegenüber dem Teufel die Herausbildung von Praktiken der Selbsterforschung forciert und damit zur Genese moralischer Subjektivität beiträgt.



Fingerle, Maddalena: Lascivia mascherata. Allegoria e travestimento in Torquato Tasso e Giovan Battista Marino. Berlin/Boston 2022.

DOI: https://doi.org/10.1515/9783110794113

Come reagiscono Torquato Tasso e Giovan Battista Marino al contesto vigilante e normativo tra Cinque- e Seicento? A partire dal rapporto che i due autori nutrono nei confronti delle norme e delle regole si prendono in considerazione due tattiche evasive pensate per salvaguardare lascivie e incanti nei poemi: da un lato l’allegoria, dall’altro il travestimento. Il percorso di Tasso è evolutivo e la sua opinione cambia in base all’interiorizzazione di leggi e valori che portano a una rivalutazione delle opinioni iniziali, mentre Marino trasgredisce le regole e utilizza elementi tipicamente difensivi – quali l’allegoria – rovesciandoli e inventandone un uso celatamente offensivo. In questo contesto vengono così rivalutate le allegorie paratestuali dell’Adone di Marino, finora mal considerate dalla critica, e viene ripensato il percorso tassiano in un’ottica che vede i due autori non come vittime di un sistema censorio, ma come partecipanti attivi.


Whittaker, Catherine / Dürr, Eveline / Alderman, Jonathan / Luiprecht, Carolin: Watchful Lives in the U.S.-Mexico Borderlands. Berlin/Boston 2023.

DOI: https://doi.org/10.1515/9783110985573

Wachsamkeit prägt den Alltag vieler Chicanxs und anderer People of Color in San Diego. Die Erfahrung rassistischer Diskriminierung kann zu erhöhter Wachsamkeit führen, die ihre Subjektivität prägt. Mit besonderem Fokus auf Chicanxs zeigen wir, wie sie versuchen, gegen strukturelle Ungleichheiten und Bedrohungen in ihrem Leben vorzugehen, beispielsweise durch die Rückeroberung von Raum, Bewusstseinsbildung, die Teilnahme an Protesten und Heilungspraktiken. Wir argumentieren, dass Auseinandersetzungen um Zugehörigkeit ein besonders wachsames Selbst hervorbringen und dass dies ein wesentlicher Aspekt der Lebenswelten in Grenzgebieten im weiteren Sinne ist.
Das Buch trägt zur Anthropologie der Grenzen, der Kolonialität, der Subjektivität und der Rasse bei und leistet zudem einen Beitrag zu den Chicano- und Latino-Studien sowie den Stadtforschungswissenschaften. Indem es die Grenzen konventioneller Ansätze erweitert, ist dieses Buch methodisch innovativ, da es Team-Feldforschung, digitale Ethnografie und illustrative Arbeiten eines lokalen Künstlers einbezieht. Es schließt eine Lücke in den Sicherheitsstudien, indem es die gegenseitige Wachsamkeit jenseits von Top-down-Überwachung und Bottom-up-„Sousveillance“ untersucht und bisherige Vorstellungen von Wachsamkeit als ambivalente Praxis erweitert, die auch Fürsorge zum Ausdruck bringen und zur Gemeinschaftsbildung beitragen sowie eine „Lebensweise“ darstellen kann.



Butz, Magdalena / Grollmann, Felix / Mehltretter, Florian (Hrsg.): Sprachen der Wachsamkeit. Berlin/Boston 2023.

DOI: https://doi.org/10.1515/9783111026480

Der Band thematisiert die sprachliche und allgemein semiotische Dimension von Vigilanz, verstanden als Setzung von Wachsamkeitspflichten im Individuum und Koppelung zwischen individueller Aufmerksamkeit mit kulturell vermittelten, überindividuellen Zielsetzungen einerseits, mit konkreten Handlungs- und Kommunikationsoptionen andererseits. Den Ausgangspunkt bildet dabei die Überlegung, dass Zeichensysteme, indem sie soziale Funktionen ausüben, eine entscheidende Rolle in Prozessen und Kulturen der Vigilanz spielen. Wie die Beiträge des vorliegenden Bandes zeigen, können Sprachen der Wachsamkeit die Relationen zwischen den Akteuren verändern, normative Funktionen und regulative Effekte haben, der Markierung von Gefahren sowie der Orientierung von Aufmerksamkeit dienen, aber auch deren Intensität skalieren. Hier erweist sich, dass Sprachen der Wachsamkeit nicht nur Sprachen im linguistischen Sinne bezeichnen, sondern auch Symbolsprachen, Ton-, Bild-, und Körpersprachen, narrative Muster, Rhetoriken und Mythologien bis hin zur Gestik, Mimik und deren Kombinationen, Erprobungen und Erweiterungen etwa in Film und Theater. Dabei können diese vielfältigen Zeichensysteme sowohl Gegenstand von Wachsamkeit sein als auch als Instrument von Wachsamkeit fungieren und schließlich selbst zum Reflexionsmedium von Wachsamkeit werden. Der Band versammelt Beträge aus den Literatur-, Rechts-, Geschichts- und Theaterwissenschaften sowie aus der Theologie und Theologiegeschichte, in denen Phänomene der Sprachen der Wachsamkeit in unterschiedlichen Räumen, Epochen und Diskursen auf innovative Weise untersucht werden.




Demichel, Sébastien / Hengerer, Mark Sven (Hrsg.): Vigilance and the Plague. France Confronted with the Epidemic Scourge during the 17th and 18th centuries. Berlin/Boston 2023.

DOI: https://doi.org/10.1515/9783111026169

Dieses Buch befasst sich mit dem Zusammenhang zwischen Wachsamkeit und der Pest in Frankreich im 17. und 18. Jahrhundert. Über mehr als drei Jahrhunderte hinweg, von der Mitte des 14. Jahrhunderts bis etwa 1670, galt die Pest in Frankreich als endemisch, bevor sie schließlich vom französischen Staatsgebiet verschwand. Die Große Pest von Marseille (1720–1722, die auch den Rest der Provence, die Grafschaft Venaissin und das Languedoc betraf) stellte eine Ausnahme dar. In dieser Zeit hatte der Kampf gegen die Pest an der französischen Küste höchste Priorität, und es wurden Gesundheitseinrichtungen, sogenannte „bureaux de la santé“, aufgebaut. Die Beiträge zu diesem Buch konzentrieren sich in erster Linie auf die Gesundheitsüberwachung unter dem Gesichtspunkt der Prävention einer Epidemie und der Reaktion auf eine erklärte Epidemie. Zu den wichtigsten behandelten Themen gehören: die Kommunikation zwischen Gesundheitsbehörden und verschiedenen staatlichen Akteuren, vorherrschende religiöse und politische Normen sowie die Beteiligung der Bevölkerung am Kampf gegen die Pest. Die Verwendung des Konzepts der Wachsamkeit ermöglicht die Einbeziehung oft recht weit voneinander entfernter Teilgebiete der Geschichtswissenschaft, nämlich der Institutions-, Sozial- und Religionsgeschichte, der Kommunikationsgeschichte sowie der Geschichte des öffentlichen Gesundheitswesens.


Fingerle, Maddalena / Mehltretter, Florian (Hrsg.): Kreativität im Schnittpunkt der Observanzen/Creatività e osservanza. Italienische Literatur um 1600 zwischen Gegenreformation und Regelpoetik/Letteratura italiana del Seicento tra Controriforma e normatività poetica. Berlin/Boston 2023.

DOI: https://doi.org/10.1515/9783111167169

Italienische Literatur entsteht um 1600 in einem Schnittpunkt von poetologischen und religiösen Normierungsbestrebungen und unter wachsamer Beobachtung sowohl seitens einer kritisch diskutierenden literarischen Gemeinschaft als auch der gegenreformatorischen Zensur und Inquisition. Kirchliche Autoritäten kontrollieren die Literatur von außen, während die Literaten in einem Dialog des Aushandelns von Normen und der wachsamen Beratung und Kritik untereinander begriffen sind. Der Titel dieses Bandes benennt dies mit dem Begriff der ‚Observanz‘ in seiner Doppelbedeutung von ‚Beobachtung’ und ‚Regelbeachtung‘. Diese Situation nur als äußere Beschränkung künstlerischen Schaffens zu fassen, wäre freilich reduktiv. Anhand von Texten unterschiedlicher medialer und gattungspoetischer Formate vom Epos bis zur Oper wird gezeigt, wie zwischen 1550 und 1650 dichterische Kreativität unter den besonderen Bedingungen dieser doppelten Observanz zu Lösungen, Evasionen oder Immunisierungen gelangt; wie Autoren auf die textuelle und mediale Gestalt ihrer Werke und auf die Gestaltung oder auch Verhüllung ihrer Autorschaft achtgeben und wie andererseits die Aufmerksamkeit der Rezipierenden auf Problemlagen fokussiert oder aber zerstreut werden kann.


Butz, Magdalena / Kellner, Beate / Reichlin, Susanne / Rugel, Agnes (Hrsg.): Aufmerksamkeit und Wachsamkeit. Praktiken und Semantiken in der mittelalterlichen Literatur und Frömmigkeit. Berlin/Boston 2024.

DOI: https://doi.org/10.1515/9783111320137

Der Band fragt nach Konzepten, Praktiken und Semantiken von Aufmerksamkeit und Wachsamkeit im christlichen Mittelalter sowie in vorangehenden und benachbarten Frömmigkeitskulturen. Den Ausgangspunkt bildet die Beobachtung, dass christliche Autoren seit altkirchlicher Zeit die Gläubigen zur unablässigen, absoluten Aufmerksamkeit gegenüber Gott und sich selbst ermahnen, zugleich aber die Unmöglichkeit einer reinen und dauerhaften Aufmerksamkeit konstatieren und vor Gefahren der Ablenkung und Zerstreuung warnen. Die Beiträge des Bandes untersuchen, wie geistliche Texte, Liturgiken und Bilder diese Spannungen thematisieren und zugleich versuchen, die Aufmerksamkeit des Gläubigen zu schulen. Im Fokus stehen dabei die Kontinuitäten und Diskontinuitäten verschiedener Praktiken und Semantiken von Aufmerksamkeit im monastischen Kontext wie auch im Bereich der privaten, laikalen Frömmigkeit. Der Band versammelt Beiträge aus dem Bereich der germanistischen Mediävistik, der Amerikanistik, Theologie, Geschichts-, Rechts- und Literaturwissenschaft sowie der Indologie, in denen der Frage nach den Praktiken und Semantiken von Aufmerksamkeit und Wachsamkeit in unterschiedlichen Räumen, Epochen und Diskursen auf innovative Weise nachgegangen wird.


Demichel, Sébastien: Risque et vigilance sanitaire. La côte méditerranéenne française face à la peste, 1700–1750. Berlin/Boston 2023.

DOI: https://doi.org/10.1515/9783111175898

Cet ouvrage s’intéresse au risque et à la vigilance face à la peste sur la côte méditerranéenne française dans la première moitié du 18e siècle. Entre 1720 et 1722, une terrible épidémie de peste frappe Marseille, la Provence, le Comtat-Venaissin et une partie du Languedoc, causant environ 100'000 décès. Aussi dramatique soit-elle, cette épidémie constitue une exception durant la première moitié du 18e siècle. La première partie de ce travail analyse les rapports entre vigilance, espace et communication et met en évidence une prévention qui s’exerce tant de manière transméditerranéenne que de manière interne au royaume de France. Une véritable «bureaucratie sanitaire» se met en place. La deuxième partie étudie les normes et les pratiques de la vigilance sanitaire, tant sur un plan politico-sanitaire (quarantaines des navires, des passagers et des marchandises) que sur un plan religieux (processions et prières pour endiguer la maladie). Enfin, la dernière partie se limite à la peste de 1720-1722 et illustre le passage d’une vigilance préventive à une vigilance réactive en s’intéressant aux «acteurs de la peste» et aux attitudes et tactiques développées face au fléau épidémique.


Tushingham, Poppy: Creating an Empire of Informers. Vigilance in the Assyrian Empire and King Esarhaddon’s adê-Covenant of 672 BC. Berlin/Boston 2024.

DOI: https://doi.org/10.1515/9783111323435

Im Laufe der Geschichte haben viele Staaten versucht, die Aufmerksamkeit ihrer Bevölkerung für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Diese Studie argumentiert, dass das assyrische Reich im Jahr 672 v. Chr. ein solcher Fall ist.
Im Jahr 672 v. Chr. erlegte Esarhaddon, König von Assyrien, seinen Untertanen, den Einwohnern des assyrischen Reiches, einen Thronfolgevertrag (adê) auf. Dieser Pakt verpflichtete die Bevölkerung des Reiches, einander und sich selbst auf Anzeichen von Illoyalität gegenüber dem Monarchen und seinem auserwählten Nachfolger, Ashurbanipal, zu überwachen. Die vorliegende Studie untersucht die beabsichtigten und unbeabsichtigten Ziele und Folgen der Auferlegung dieser Wachsamkeitspflicht im gesamten assyrischen Reich.
Um die Darstellung und Umsetzung dieser Wachsamkeitspflicht zu beleuchten, stützt sich die Studie weitgehend auf Belege aus dem Bund selbst und anderen von der Königsfamilie in Auftrag gegebenen Texten. Zur Untersuchung der Folgen der Inkraftsetzung des Bundes werden zudem Keilschriftquellen herangezogen, darunter Briefe an den König, private Rechtsdokumente und literarische Werke sowie die aramäische Geschichte von Ahiqar und das biblische Buch Deuteronomium.
Durch eine fundierte Analyse der praktischen Auswirkungen und Folgen des Bundes wirft dieses Buch ein neues Licht auf einen Text, der die politische Struktur des assyrischen Reiches grundlegend veränderte.


Martin-Ruland, Alena: Zwischen Gott, Mensch und Teufel. Beobachtungskonstellationen in der deutschen Flugpublizistik der frühen Neuzeit. Berlin/Boston 2024.

DOI: https://doi.org/10.1515/9783111323152

Im Gros frühneuzeitlicher Darstellungen des Teufels als angsteinflößende Monstrosität fallen die erzählerischen und graphischen Umsetzungen auf, die einen merkbar anderen Weg einschlagen. Hierzu zählt die Inszenierung des diabolischen Feindes als latente Gefahr in der Flugpublizistik. Der ontologische Status des Teufels als lauernder Beobachter changiert dabei oftmals zwischen personalem äußeren Feind und Imagination innerer Selbstgefährdung. Die Studie geht der Funktionsweise von Bild-Text-Kombinationen nach, die ihre Wirksamkeit durch eine solche spezifische Gestaltung gerade zu erhöhen suchen. Die innerbildliche Wahrnehmungsproblematik überträgt sich hierbei als rezeptionsästhetischer Irritationsmoment auf die übergeordnete Beobachtungsebene Betrachtender. Im Fokus der Untersuchung stehen Beobachtungskonstellationen zwischen Gott, Mensch und Teufel sowie bildliche und narrative Strategien und Effekte der Aufmerksamkeitslenkung. Wachsamkeit gegenüber dem Teufel im Sinne einer moralischen Selbst- und sozialen Fremdbeobachtung wird durch den medialen Habitus der Sichtbarmachung besonders wirkungsvoll erprobt und eingeübt. Das Buch zeigt, dass das illustrierte Flugblatt hierdurch als Medium der Vigilanz schlechthin gelten kann.


Filip, Loredana: Self-Help in the Digital Age. TED Talks, Speculative Fiction, and the Role of Reading. Berlin/Boston 2024.

DOI: https://doi.org/10.1515/9783111389929

In einer Zeit, in der Wissenschaft und Technologie dominieren und die Geisteswissenschaften eine Krise durchleben, untersucht dieses Buch die sich wandelnde Rolle der Literatur. Es befasst sich damit, wie die amerikanische Selbsthilfekultur zeitgenössische Ideale von Erfolg, Achtsamkeit und Glück prägt, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf ihrem Einfluss auf die Wissenschaftskommunikation liegt, insbesondere in TED-Vorträgen. Darüber hinaus unterstreicht es die anhaltende Relevanz der Literatur im digitalen Zeitalter durch die Analyse spekulativer Romane, die etablierte Normen in Frage stellen, darunter auch solche, die von TED propagiert werden. Zu diesen Romanen gehören Richard Powers’ Generosity: An Enhancement, Margaret Atwoods MaddAddam-Trilogie und Gary Shteyngarts Super Sad True Love Story. Sie hinterfragen die westliche Vorliebe für visuelle Wahrnehmung, die eine anthropozentrische Weltanschauung aufrechterhält. Indem es sich bei der Lektüre auf literarische Synästhesie konzentriert, legt dieses Buch den Schwerpunkt auf Sinneserfahrungen und Interaktionen zwischen Menschen und Nicht-Menschen. Es greift das Konzept der Forschung als Assemblage auf und bedient sich einer vielfältigen Bandbreite an Theorien und Ansätzen, wobei kritischer Posthumanismus und der Neue Materialismus im Vordergrund stehen. Letztendlich plädiert es für einen weniger anthropozentrischen Ansatz beim Lesen und präsentiert Literatur als eine „transdisciplinary life science“, die in der Lage ist, eine „kinship of posthumanity“ zu fördern.


Heberling, Carolina: Zwischen Alleinherrschaft und kollektiver Leitung. Der Intendantenberuf in der Weimarer Republik am Beispiel der Bayerischen Staatstheater. Berlin/Boston 2026.

DOI: 10.1515/9783111442884

Eine strenge Hierarchie mit einer mächtigen Person an der Spitze: Deutsche Theater sind noch immer stark auf die jahrhundertealte Figur des Intendanten ausgerichtet. Teile seiner heutigen Prägung bekam das Amt in den 1920er Jahren, als viele Hoftheater in die Hand des Staates übergingen und die „Kavaliersintendanten" – adelige Höflinge mit begrenzter Expertise – durch Berufsprofis ersetzt wurden. Am Beispiel der Bayerischen Staatstheater geht das Buch der Frage nach, wie sich das Berufsbild des Intendanten in der Weimarer Republik entwickelte und wo sich mit der Etablierung eines Künstlerrats als gemeinschaftlicher Leitungsform früh eine Alternative zum Modell des „Alleinherrschers" zeigte. Es wird untersucht, welche Personen das Amt anzog, wie diese sich an der Spitze des Theaters legitimierten und welche Idealbilder vom Theater an sie herangetragen wurden. In den Blick rücken dafür beispielhaft Clemens von Franckenstein, Victor Schwanneke und Karl Zeiß. Anhand ihrer Intendanzen lässt sich eine strukturelle Überforderung ablesen, die den Beruf seither begleitet und eine konsistente Amtsführung schon damals unmöglich machte, so eine zentrale These des Buchs. Aus historischer Perspektive betrachtet wird die Frage nach kollektiven Leitungsformen an heutigen Theatern umso drängender.


Kanthak, Sabrina: Skandale um die Zensur. Theater und Öffentlichkeit in München (1919–1929). Berlin/Boston 2025.

DOI: https://doi.org/10.1515/9783111458946

Am 11. August 1919 entfiel mit der Weimarer Verfassung die Theaterzensur, die bislang fester Bestandteil des Theaters gewesen war. Die Freiheit der Kunst wurde garantiert. Die Untersuchung beleuchtet die Transformationen um die Aufhebung der Theaterzensur unter dem Begriff ‚De-Censorship‘ und geht der Frage nach, inwiefern sich eine Kontrolle über das Theater dennoch fortsetzte. Besonders anschaulich lässt sich dies an den Theaterskandalen in den 1920er Jahren zeigen, die oftmals ähnlich restriktiv wirkten wie die Zensur.
Theaterskandale in der Weimarer Republik sind in ihrer Intensität und Häufigkeit in der Theatergeschichte ohne Beispiel, doch bisher kaum erforscht. Verbale Attacken in den Zeitungen, Tumulte im Zuschauerraum und polizeiliche Maßnahmen waren dabei an der Tagesordnung. Entlang von exemplarischen Fallstudien zu Theaterskandalen aus München erforscht die Arbeit, wie sich die Kontrolle vom Staat auf die Öffentlichkeit verschiebt und zeigt, dass durch Kontrolle und Skandal neue Öffentlichkeiten im Theater der Weimarer Republik nachgewiesen werden können.


Chizzolini, Benedetta: Between Cure and Control. Doctors, Convicts and Slaves in Tuscan and Papal Galleys (16th–18th Centuries). Berlin/Boston 2025.

DOI: https://doi.org/10.1515/9783111654133

Seit der Antike wird von Ärzten stets „Wachsamkeit“ (d. h. äußerste Aufmerksamkeit) verlangt, insbesondere im Hinblick auf Symptome, die der Patient zeigt und/oder über die er klagt. Wie bereits im Hippokratischen Eid seit der Antike dargelegt, besteht die vorrangige Aufgabe eines Arztes darin, das Wohlergehen und die Genesung des Patienten sicherzustellen, unabhängig von dessen sozialem Status. Die Loyalität gegenüber dem Patienten wurde jedoch ausdrücklich zurückgestellt, sobald dieser eine Handlung vollzog, die als verdächtig oder gar schädlich für das Wohl der Gesellschaft angesehen wurde. Das Ziel dieses Buches ist es daher, die vielschichtige Rolle und Haltung von Ärzten und Chirurgen als „Experten“ bei der Deutung von Symptomen näher zu beleuchten und zu untersuchen, wie dies wiederum ihre Beziehung zu ihren Patienten beeinflusste, insbesondere wenn diese als „gefährliche Personen“ galten. Diese Analyse zielt nicht darauf ab, Foucaults Konzept vom „disziplinären“ Charakter der Medizin weiter zu ergründen, sondern nutzt es vielmehr als Ausgangspunkt für die Untersuchung der komplexen und sozusagen „zweideutigen“ Natur der Arzt-Patienten-Beziehung in der Frühen Neuzeit, die zwischen Kooperation und Konflikt oszillierte. Um diese Aspekte zu vertiefen, wird diese Analyse die Rolle und die Aufgaben einer in der Geschichtsschreibung oft vernachlässigten Figur betrachten: des Galeerenarztes.


Casadevall Ferrer, Agnes: Die Wächterstimme im Hohenfurter Liederbuch. Berlin/Boston 2026.

DOI: https://doi.org/10.1515/9783112215708

Mit unikal überlieferten Liedern mit jeweils notierten Melodien ist das Hohenfurter Liederbuch ein Sonderfall der spätmittelhochdeutschen Liederbuchlyrik, der bisher randständig untersucht wurde. Die vorliegende Studie fragt nach der Zusammenstellung der Lieder und versucht eine Neuinterpretation der Wächterfigur im geistlichen Lied. Im ersten Teil werden Aufbau, Aufmachung und Hintergründe der anonym überlieferten Handschrift beschrieben. Der Heterogenität im Liedteil des Hohenfurter Liederbuchs, welcher neben geistlichen Tageliedern auch Weihnachts-, Oster- und ein Krautgartenlied enthält, wird der Blick auf die Rubriken über den ‚grossen sünder‘ als roter Faden gegenübergestellt. Im zweiten Schritt interpretiert die Studie fünf Lieder mit dem Fokus auf das Bekehrungsgeschehen um den ‚grossen sünder‘. Zentral ist dabei eine Wächter- und Wecksemantik, die u.a. aus Kontexten des weltlichen Tagelieds und der christlichen Hymnentradition zehrt. Die Liedinterpretationen decken dabei schrittweise die unterschiedlichen Dimensionen dieser Semantik auf. Insgesamt liefert die Studie entscheidende Erkenntnisse zur Kultivierung von Wachsamkeit, wie sie das hier im Zentrum stehende Liederbuch für das Spätmittelalter bezeugt.